Beschaffungshindernisse auf allen Ebenen

»Für einen Publikumsverlag wie uns gibt es nichts Schlimmeres, als wenn ein Titel nachgefragt wird, aber nicht lieferbar ist«, umreißt Silvia Menczykalski, Herstellungsleiterin von Bastei Lübbe, das Worst-Case-Szenario. Damit das trotz unverändert angespannter Situation bei der Beschaffung von Papier und anderer Materialien zum Buchdruck nicht passiert, sondiert der Verlag in diesem Jahr früher als sonst, welche Titel im Weihnachtsgeschäft anziehen werden, um frühzeitig zu disponieren und Druckaufträge auf den Weg zu bringen.

Vor allem bei potenziellen Bestsellern habe es sich bewährt, frühzeitig zu planen. Für die neuen Romane von Dirk Rossmann (ET: 18.10.) und Ken Follett (ET: 9.11.) etwa hat man sich bereits im Juni mit der Frage der Bevorratung beschäftigt. Menczykalski: »Aktuell treffen 2 Dinge zusammen: Preiserhöhungen und Lieferschwierigkeiten bei Papier und weiteren Materialien. Preisschwankungen gibt es immer, und die Situation auf den Zellstoffmärkten ist auch nicht neu, aber seit Jahresanfang hat sich eine Dynamik entwickelt, die ich so nicht erwartet habe.«

Papier: Längere Vorlauffristen einplanen

Ob Papiere und Pappen, Klebstoffe oder Farben und Pigmente: Betroffen von Knappheit und Preissteigerungen sind diverse Rohstoffe, Vorprodukte und Halbfabrikate. Innerhalb eines Jahres sei die Papierindustrie mit Zellstoff-Preiserhöhungen von mehr als 60% konfrontiert worden, die dann auch über den Papierhandel an die Druckereien weitergegeben werden, berichtet etwa Peter Schlürmann, Bereichsleiter Rolle/Verlage beim Papiergroßhändler Inapa Deutschland. »Das hat es in meinen 39 Jahren in der Papierbranche in dieser Größenordnung noch nicht gegeben.«

Er betont einen komplexen Ursachen-Mix aus Corona-Sondereffekten und Strukturbereinigung in der Branche, nachdem der Papierbedarf über 15 Jahre rückläufig gewesen sei: »Wir befinden uns hier nicht nur in einer coronabedingten Ausnahmesituation. Wir stehen vor einer grundsätzlichen Zeitenwende.« Er rechnet damit, dass sich die Lieferzeiten sukzessive bei 6 bis 8 Wochen einpendeln werden, „aber von der schnellen Verfügbarkeit, die wir viele Jahre gewohnt waren und die uns kurzfristige Umplanungsmöglichkeiten gesichert hat, werden wir uns verabschieden müssen. Auch Verlage werden sich auf deutlich längere Fristen in ihrer Planung einstellen müssen.«

Mit stärkerer Bevorratung die eigene Produktion absichern

Spricht man derzeit mit Verlagen, dann sind sie je nach Produktportfolio, bestehenden Verträgen und Beschaffungsmärkten unterschiedlich stark betroffen. Ihnen gemein ist, dass sie, häufig zusammen mit ihren Druckereien, die vertrackte Lage auf den Beschaffungsmärkten genau im Blick behalten, um mit längeren Vorlauffristen die teils deutlich längeren Lieferzeiten abzufedern. Bei Papieren etwa haben sich die Lieferzeiten von etwa 3 Wochen auf 8 bis 10 Wochen verlängert, berichtet Schlürmann.

Neben frühzeitiger Planung, Flexibilität beim Materialeinsatz (etwa indem man mit Papierklassen statt -sorten arbeitet) und Standardisierung spielen aktuell offenbar auch verstärkte Bevorratung und Reservierungen eine Rolle, wodurch sich das Problem verschärft.

Beispiel Maschinengraupappe, die für die Herstellung von Hardcovern benötigt wird: Gesamtherstellungsleiterin Barbara Scheuer berichtet etwa für die Penguin Random House Verlagsgruppe von »massiven Mehrkosten« und dass man sich mit Blick auf drohende Engpässe »groß bevorratet« habe. Hintergrund sei unter anderem die Situation im Recyclingmarkt: Es gebe kaum Recyclat. »Und was es noch gibt, geht überwiegend in die Verpackungsproduktion«, erklärt Scheuer. Möglich ist die Bevorratung auch, weil ihre Abteilung auf Standardisierung setzt:

Es gibt größtenteils gruppenweit definierte Standardformate.

Es gibt eine Pappenstärke pro Format, um nicht zu kleinteilig zu werden.
»Mit Forecasts für die unterschiedlichen Formate und Hochrechnungen sind wir da, hoffen wir, gut versorgt.« Problematischer ist es bei Sonderformaten, von denen Barbara Scheuer ihren Verlagen derzeit abrät.

Chaotische Verhältnisse in der Seefracht

In anderen Häusern, die in Teilen in Asien produzieren lassen, kommen noch die Verwerfungen in der Seefracht hinzu. Blockade des Suez-Kanals, Teilschließung des Hafens Yantian in Südchina, fehlende Container: Die Beschaffungsverantwortlichen sind im Troubleshooting gefragt. »Da wir uns nun in der Hochsaison befinden, was die Produktion für das Weihnachtsgeschäft angeht, ist vorerst nicht damit zu rechnen, dass sich die Frachtraum-Situation in den kommenden Monaten verbessern wird. Das bedeutet auch, dass die Preise für die Verschiffung hoch bleiben werden, da die Nachfrage die Kapazität bis zum 4. Quartal übersteigt«, schätzt DK-Herstellungsleiterin Dorothee Whittaker. Coppenrath-Geschäftsführer Lambert Scheer und VEMAG-Einkaufsleiter Ulrich Klare beispielsweise prüfen indes, Produktionen nach Europa zurückzuholen.

Themenschwerpunkt: Beschaffung

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Dieser Artikel ist im Original am 23.07.21 im Buchreport-Channel Produktion & Prozesse erschienen.

Wie Verlage auf die verschärfte Lage reagieren können

Markus Wilhelm und Olaf Deconinck haben für die derzeitige Situation einige wesentliche Handlungsempfehlungen für Verlage zusammengestellt. Zum Artikel.

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